Zur Merseburger Geschichte

Beschreibung der Stadt Merseburg aus dem Jahr 1841

Die nachfolge Beschreibung der Stadt Merseburg entstammt aus dem Buch

Regierungsbezirk Merseburg.

Ein Beitrag zur Vaterlandskunde mit eingestreuten geschichtlichen, besonders biographischen Nachrichten. 

Von Pastor Scharfe in Lengefeld. 

Sangerhausen 1841. 

Verlag von J. R. Rohland 

 

Die Kreisstadt ist Merseburg an der Saale, über welche eine steinerne Brücke führt, welche die Vorstadt Neumarkt mit der Altstadt verbindet, und am Geißelbache liegt, mit 900 Häusern und 9413 Einwohnern, die durch Fabriken in Wolle, Leder, Buntpapier und Pappsachen, durch Oelrafinerien, sowie durch Ackerbau und Bierbrauerei sichere Nahrung gewinnen. Hier hat die Regierung des Bezirks ihren Sitz. Es hat ein gutes Gymnasium, woran 7 Lehrer arbeiten, eine höhere Bürgerschule mit 12 Lehrern und 1 Lehrerin, sowie eine Freischule mit 2 Lehrern und 1 Lehrerin, sowie die Vorstädte noch ihre besondern Schulen haben; ferner ein Land- und Stadtgericht, sowie ein Domkapitel, dessen Präbanden nur Adlige sind; und ein Postamt. Merkwürdig ist unter den 4 Kirchen der Dom mit 4 schönen Türmen und einer sehr starken, aus 4000 Pfeisen dastehenden Orgel, mehreren Gräbern der hier gewesenen Herzöge, einem merkwürdigen Altarblatt von Lucas Cranach. Im Dom zeigt man die rechte Hand Rudolphs von Schwaben, des Gegenkaiser Heinrichs 1V., die der Erste in der Schlacht bei Hohenmölsen 1080 verloren. Rudolph starb hier und liegt in der Domkirche begraben. Das Schloß mit drei Türmen, wo die Regierung ihr Lokal hat, ist mit der Domkirche verbunden, und beide gewähren der Stadt ein schönes Ansehen. Im Garten, der das Schloß umgibt, zeichnet sich das vom letzten Herzog Heinrich erbaute Gartenhaus aus, aus welchem man auf die umliegende Gegend eine vortreffliche Aussicht hat.

Merseburg selbst ist eine sehr alt und unregelmäßig gebaute Stadt, die aber in neuerer Zeit viel gewonnen hat. Die Brücke, welche nach Neumarkt führt, ist von den Franzosen am 31. Oktober 1757 abgebrannt, von dem Churfürsten Friedrich August nachherigen König von Sachsen aber aus dem Grunde neu erbaut im Jahre 1786.

In der Vorstadt Altenburg liegt die vom letzten Herzoge erbaute Wasserkunst, wodurch der Altstadt Wasser zugeführt wird; ferner das aus einem ehemaligen Vorwerk am 9. Juni 1698 von der Herzogin Christine für 24 Waisenkinder gestiftete Waisenhaus, ein neues Armen- und Versorgungshaus, und das Gräflich Zechische Palais, welches die Landestände zu ihren Beratungen angekauft und und eingerichtet haben. Desgleichen ein Hospital für 16 bis 20 alte Personen.

Vor dem Gotthardtsthore liegt der große am östlichen Ende 700 Fuß breite, und der überhaupt 123,5 Acker Flacheninhalt habende Gotthardtsteich mit vielen Fischen, besonders guten Karpfen besetzt. Er wird gebildet durch den Zusammenfluß der Geißel ui.d Klia, und ist angelegt von dem Bischof Thilo von Trotha 1483. Umgeben ist er von einem schönen und großartig angelegten Damme, der Stadtdamm, genannt. Auch ist noch merkwürdig die Kirche St. Thomae Cantariensis in der Vorstadt Neumarkt, wegen ihres Alters und ihrer Bauart. Merseburg war früher im 14. und 15. Iahrhundert eine bedeutende Handelsstadt mit ansehnlichen Messen; aber nach mehren Bränden besonders 1387, durch einen Schlosser veranlaßt, wobei die Kaufleute viele Waaren verloren, wendeten sich diese zuerst nach Grimma und später nach Leipzig, wodurch die Leipziger Messen entstanden sind.